Der Kyros-Zylinder
Ein Tonzylinder, der nach der Eroberung Babylons durch Kyros den Großen beschriftet wurde und die Religionsfreiheit sowie die Rückkehr verschleppter Völker verkündet – die erste Menschenrechtscharta der Welt.
Ein Tonzylinder aus Babylon
Der Kyros-Zylinder ist ein walzenförmiges Objekt aus gebranntem Ton, 22,5 cm lang und 10 cm im Durchmesser, beschriftet mit 45 Zeilen akkadischer Keilschrift. Er wurde kurz nach der persischen Eroberung der Stadt im Oktober 539 v. Chr. als Gründungsdeposit in die Mauer des Marduk-Tempels in Babylon eingelassen und 1879 von Hormuzd Rassam ausgegraben. Heute befindet er sich in Raum 52 des British Museum unter der Objektnummer 90920.
Zwei weitere Fragmente desselben Textes wurden später auf einer Tontafel in Yale identifiziert, was bestätigt, dass die Inschrift kopiert und verbreitet wurde – der Zylinder ist die erhaltene Gründungskopie einer öffentlichen Proklamation des neuen persischen Königs.
Was der Zylinder verkündet
"Ich gab diese heiligen Städte jenseits des Tigris zurück, deren Heiligtümer lange in Trümmern lagen, samt den Bildern, die einst darin wohnten, und errichtete ihnen dauerhafte Heiligtümer. Ich versammelte auch alle ihre früheren Bewohner und gab ihnen ihre Wohnstätten zurück."
Der Text stellt Kyros als von Marduk auserwählt dar, den Kult Babylons nach der Missherrschaft des Nabonid wiederherzustellen, und listet seine Maßnahmen auf: Nach Babylon deportierte Völker werden in ihre Heimat entlassen; als Trophäen fortgeführte Götter werden in ihre Tempel zurückgebracht; Heiligtümer von Assur und Susa bis zu den Städten am Tigris werden wiederaufgebaut; kein Heer zieht gewaltsam in die Stadt ein.
Der Fall Babylons, 539 v. Chr.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 550 v. Chr. | Kyros II. besiegt Astyages und gründet das Achämenidenreich |
| 547 v. Chr. | Eroberung Lydiens und Gefangennahme des Krösus bei Sardes |
| 12. Okt. 539 v. Chr. | Schlacht von Opis; das persische Heer zieht ohne Widerstand in Babylon ein |
| 29. Okt. 539 v. Chr. | Kyros zieht persönlich in Babylon ein und wird als Befreier gefeiert |
| 538 v. Chr. | Rückkehrerlass: Jüdische Exilanten erhalten die Erlaubnis, Jerusalem wiederaufzubauen (Esra 1) |
| um 538 v. Chr. | Gründungsdeposit des Zylinders wird in der Esagila niedergelegt |
Von Babylon bis zu den Vereinten Nationen
Der Zylinder lag 2.400 Jahre lang im Boden begraben. Nach Rassams Entdeckung im Jahr 1879 wurde er im 20. Jahrhundert zum berühmtesten Objekt des antiken Iran. 1971 überreichte der Schah von Iran eine Nachbildung an UN-Generalsekretär U Thant; sie ist bis heute im zweiten Stock des UN-Hauptquartiers in New York ausgestellt, bezeichnet als eine antike Erklärung der Menschenrechte. Das Original reiste 2010 als Leihgabe des British Museum nach Teheran und zog in vier Monaten über eine halbe Million Besucher an.
539 v. Chr.
Kyros der Große erobert Babylon
22,5 cm
Länge des gebrannten Tonzylinders
45 Zeilen
Akkadische Keilschriftinschrift
1879
Entdeckt von Hormuzd Rassam in Babylon
1971
UN zeigt eine Nachbildung in New York
29. Okt.
Tag des Kyros des Großen – weltweit von Iranern begangen
Das Objekt in Zahlen
Der Zylinder ist ein bescheidenes Stück, das so viel Debatte getragen hat: ein tonnenförmiger Klumpen gebrannten Tons, in der Antike zerbrochen und über mehr als ein Jahrhundert hinweg in Fragmenten geborgen.
| Eigenschaft | Detail |
|---|---|
| Material | Gebrannter Ton, Gründungsdepot-Typ |
| Maße | 21,9 cm lang, 10 cm maximaler Durchmesser |
| Schrift und Sprache | Neubabylonische Keilschrift, Akkadisch |
| Textzeilen | 45 erhaltene von geschätzt 45–50 |
| Gefunden | Marduk-Tempelhügel, Babylon, März 1879, von Hormuzd Rassam |
| Verwahrt | British Museum, London (BM 90920), Raum 52 |
| Fragment B | Yale Babylonian Collection, 1970 zur Lesung ergänzt |
| Duplikat-Tafel | Zwei Fragmente 2010 im British Museum identifiziert, die eine weitere Verbreitung belegen |
Die Identifizierung von 2010 war bedeutsam: Sie zeigte, dass der Text kein einmaliges Gründungsdepot war, sondern eine Proklamation, die kopiert und verbreitet wurde – näher an einem öffentlichen Erlass als an einer verborgenen Widmung.
Der Text, Abschnitt für Abschnitt
| Zeilen | Inhalt | Rhetorische Funktion |
|---|---|---|
| 1–19 | Nabonid wird verurteilt, weil er Marduk vernachlässigt und Babylon unterdrückt hat | Den Vorgängerkönig delegitimieren |
| 20–22 | Marduk durchsucht die Länder und erwählt Kyros | Göttlicher Auftrag |
| 22–34 | Kyros zieht friedlich in Babylon ein; Titel und Genealogie bis zu Teispes | Legitimität und Kontinuität |
| 30–36 | Wiederherstellung der Heiligtümer und Rückkehr der Götterstatuen in ihre Städte | Die berühmte Passage der ‚Toleranz‘ |
| 32–36 | Deportierte Völker kehren in ihre Siedlungen zurück | Umkehrung der assyrisch-babylonischen Politik |
| 38–45 | Reparatur der Imgur-Enlil-Mauer Babylons; Entdeckung einer Assurbanipal-Inschrift | Kyros in die königliche Bautradition stellen |
Ist es die erste Menschenrechtscharta?
Die Behauptung wurde 1971 populär, als Mohammad Reza Schah anlässlich des 2.500-jährigen Bestehens des Persischen Reiches eine Nachbildung an die Vereinten Nationen übergab. Gelehrte bestreiten sie seither; die Meinungsverschiedenheit verdient es, vollständig dargelegt zu werden, statt per Schlagwort entschieden zu werden.
| Argument dafür | Argument dagegen |
|---|---|
| Bringt deportierte Völker in ihre Heimat zurück | Gilt für bestimmte mesopotamische Gemeinschaften, nicht für ein universelles Prinzip |
| Stellt Heiligtümer und Kultstatuen wieder her | Ein konventioneller Akt mesopotamischer Königsfrömmigkeit, mit Parallelen bei assyrischen Königen |
| Rahmt Herrschaft als Zustimmung statt Eroberung | Von den Schreibern des Eroberers als Thronbesteigungspropaganda verfasst |
| Fällt mit der biblischen Rückkehr aus dem Exil zusammen | Der Zylinder erwähnt Juda, Jerusalem oder die Juden mit keinem Wort |
| Markiert eine Politik lokaler Religionsautonomie | Achämenidische Politik war pragmatische Verwaltung, keine erklärten Rechte |
Die eigene Position des British Museum ist abgewogen: Der Zylinder ist keine Menschenrechtscharta im modernen Sinne, aber er hält eine echte und ungewöhnlich gut dokumentierte Veränderung der imperialen Praxis gegenüber den Völkern fest, die Kyros in sein Reich eingegliedert hat.
Der Zylinder und seine Welt
Ein gebrannter Tonzylinder mit Keilschrift aus dem Babylon von 539 v. Chr., heute in Raum 52 des British Museum.




Fotografien und Museumstafeln aus Wikimedia Commons und gemeinfreien Sammlungen.
Toleranz, Recht und der freigelassene Exilant: Wie Persien anders regierte
Kyros wird weniger dafür in Erinnerung behalten, was er eroberte, als dafür, was er zu zerstören wählte. Babylon fiel 539 v. Chr. ohne Plünderung; seine Tempel behielten ihre Priesterschaften, seine Götter wurden in die Städte zurückgebracht, die Nabonid geleert hatte, und den dorthin verschleppten Gemeinschaften – unter ihnen die Judäer – wurde gesagt, sie sollten heimkehren und ihre Heiligtümer auf königliche Kosten wieder aufbauen. Stellt man das neben die assyrische Praxis der Massendeportation, die ihm vorausging, ist der Unterschied nicht Rhetorik, sondern Politik.
Die Belege sind nicht allein persische Propaganda. Die hebräische Bibel, verfasst von den Begünstigten und nicht vom Hof, nennt Kyros „den Gesalbten des Herrn“ – der einzige fremde König, dem dieser Titel zuteilwird. Die babylonische Priesterschaft, deren eigene Stadt gerade eingenommen worden war, hieß ihn in ihrer Tempelchronik willkommen. Griechische Schriftsteller, die gegen Persien kämpften, von Xenophon bis Aischylos, stellten seine Könige dennoch als an das Recht gebunden dar. Unabhängige, teils feindliche Quellen laufen zusammen.
| Praxis | Assyrien / Babylonien | Athen & Rom | Achämenidisches Persien |
|---|---|---|---|
| Eroberte Bevölkerungen | Massendeportation als Standardpolitik; ganze Gemeinschaften umgesiedelt, um Identität zu brechen | Städte dem Erdboden gleichgemacht und Bevölkerungen verkauft – Melos 416 v. Chr., Karthago 146 v. Chr., Jerusalem 70 n. Chr. | Rückführung früherer Deportierter; Völker in ihre angestammten Länder zurückgebracht (Kyros-Zylinder, Zeilen 30–34) |
| Lokale Religion | Kultstatuen als Trophäen nach Assur oder Babylon verschleppt | Der römische Triumph führte erbeutete Götter vor; der Schatz des jüdischen Tempels wurde nach Rom gebracht | Statuen in ihre eigenen Heiligtümer zurückgebracht; Tempelwiederaufbau aus der Staatskasse finanziert (Esra 6,8–10) |
| Sprache & Recht | Akkadisch als Verwaltungssprache aufgezwungen | Latein und Griechisch als Sprache der Gerichte und des Bürgerrechts | Dreisprachige Inschriften; aramäische Kanzlei; ägyptisches, babylonisches und judäisches Recht lokal kodifiziert |
| Arbeit | Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter bei staatlichen Bauprojekten | Sklavenwirtschaft zentral: ca. 20.000 in den Minen von Laurion; bis zu einem Drittel Italiens versklavt | Bezahlte kurtaš-Arbeiterschaft mit Rationen; keine großen sklavenbetriebenen Güter im Persepolis-Archiv verzeichnet |
| Stellung der Frauen | Eigentumsrechte begrenzt und weitgehend dynastisch | Athenische Frauen rechtlich zeitlebens Mündel unter einem männlichen Vormund | Frauen besitzen Güter, führen Werkstätten, erhalten Wochenbettrationen, siegeln eigene Verwaltungsanordnungen |
| Selbstdarstellung der Herrscher | Reliefs mit Häutungen, Pfählungen und aufgetürmten Köpfen | Triumphe mit angeketteten Gefangenen | Bisotun und Persepolis zeigen unterworfene Völker, die den Thron tragen, in eigener Tracht, ungefesselt |
Zwei Einzelheiten verdienen einen Moment der Betrachtung, weil sie dokumentarischer als literarischer Natur sind. Die erste ist das Persepolis-Festungsarchiv, entdeckt 1933 und umfassend Zehntausende elamitische und aramäische Täfelchen, die zwischen 509 und 493 v. Chr. ausgezahlte Rationen verzeichnen. Es ist ein Buchhaltungsbeleg – niemand schrieb ihn, um bewundert zu werden – und er zeigt Frauen, die Wein und Getreide unter eigenem Namen beziehen, Mütter, die nach der Geburt eine Zusatzration erhalten, und qualifizierte weibliche Aufseherinnen, die mehr verdienen als ungelernte Männer. Die zweite sind die Elephantine-Papyri einer judäischen Garnison in Oberägypten, deren Soldaten den persischen Satrapen um Erlaubnis zum Wiederaufbau ihres Tempels baten und sie erhielten.
539 v. Chr.
Babylon ohne Plünderung eingenommen; der Kyros-Zylinder verzeichnet die Rückkehr von Göttern und Völkern in ihre eigenen Städte.
538 v. Chr.
Judäischen Exilanten wird die Rückkehr nach Jerusalem gestattet; der Zweite Tempel wird 516 v. Chr. mit persischer Finanzierung vollendet.
ca. 518 v. Chr.
Dareios I. beauftragt die Kodifizierung des ägyptischen Rechts, in Ägyptisch und Aramäisch, durch ägyptische Priester.
30.000+ Täfelchen
Das Persepolis-Festungsarchiv: eine bezahlte, rationierte Arbeiterschaft – Frauen eingeschlossen – kein Sklavenregister.
Nichts davon macht das Achämenidenreich zu einer modernen Demokratie. Es war eine Monarchie, die hart besteuerte, Rebellion schwer bestrafte – Bisotun sagt das unmissverständlich – und Haussklaverei und Kriegsgefangenschaft kannte. Ehrliche Geschichtsschreibung braucht den Mythos nicht. Was sie zeigt, ist, dass ein großer multiethnischer Staat bewusst und über zwei Jahrhunderte nach dem Prinzip regiert werden konnte, dass unterworfene Völker ihre Götter, ihre Gerichte, ihre Sprache und ihre Heime behalten. Dieses Prinzip war eine Entscheidung, und andere Imperien derselben Jahrhunderte entschieden anders.
- Kyros-Zylinder (British Museum, BM 90920): die zurückgegebenen Kultstatuen und die wiederaufgebauten Heiligtümer von Assur, Susa, Akkad und den Städten des Zagros.
- Esra 6,8–10: Dareios ordnet an, die Kosten des Jerusalemer Tempels aus den königlichen Einkünften von Jenseits des Stroms zu zahlen, mit Tieren für die Opfer.
- Jesaja 45,1: Kyros als „Gesalbter“ bezeichnet – die einzige nichtjüdische Gestalt, der dieser Titel in der hebräischen Bibel zuteilwird.
- Die Udjahorresnet-Inschrift: Kambyses und Dareios stellen den Tempel der Neith in Sais nach Kriegsschäden wieder her und statten seine Priesterschaft neu aus.
- Elephantine-Papyri (5. Jahrhundert v. Chr.): Eine judäische Garnison in Ägypten bittet den Satrapen Bagavahya um Erlaubnis zum Wiederaufbau ihres Tempels und erhält sie.
- Irdabama und Artystone: königliche Frauen mit eigenen Gütern, Siegeln, Werkstätten und Briefboten in den Persepolis-Täfelchen.
- Bisotun und die Apadana-Reliefs: dreiundzwanzig unterworfene Völker aufrecht, bewaffnet, in eigener Landestracht dargestellt – nicht gekettet, nicht kniend.
Liest man den Kyros-Zylinder, das Persepolis-Archiv und die judäischen und ägyptischen Dokumente nebeneinander, ist der Schluss schmal, aber fest: Nicht alle Imperien waren gleich, und der Unterschied war für die Menschen, die unter ihnen lebten, sichtbar.
Häufig gestellte Fragen
Weiterführende Artikel
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Von Elam und den Medern bis zur Moderne — eine durchgehende 5.000-jährige Geschichte.
Wie Persien die moderne Welt prägte — Zitate von Hegel, Nietzsche, Goethe.
Zoroastrismus, Mithraskult, Manichäismus, Sufismus, Bahai – historisches Erbe.
References
- ↗ British Museum – Der Kyros-Zylinder (Objekt 90920)
- ↗ Irving Finkel, The Cyrus Cylinder: The King of Persia's Proclamation from Ancient Babylon (I. B. Tauris, 2013)
- ↗ Encyclopædia Iranica – Kyros-Zylinder
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